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Das Brave-Tochter-Sydrom

“Brave Töchter” haben früh gelernt, sich so zu verhalten, dass es anderen gut geht. Besonders gilt dies bezogen auf die Eltern. Sie versuchen schon früh, für die Eltern mitzutragen, und tun alles, um es den Eltern leichter zu machen, ihnen ihr Schweres, das sie irgendwie spüren, abzunehmen. Das Leben nach eigenen Interessen sowie Unbekümmertheit und Lebendigkeit sind kaum möglich und meist mit Schuldgefühlen verbunden. Anerkennung der Eltern gibt es, wenn überhaupt, für das Bravsein und das Pflegeleichtsein – so zu sein, wie man ist, reicht nicht aus.

“Brave Töchter” sind als Erwachsene oft aufopferungsvolle Mütter und treusorgende Ehefrauen. So wie sie früher die Eltern entlasten und unterstützen wollten, so tun sie als Erwachsene alles, dass es ihrem Mann und ihren Kindern an nichts fehlt. Sie fühlen sich für das Wohlergehen ihrer Lieben verantwortlich, und sie haben schnell Schuldgefühle, wenn der Mann oder die Kinder nicht glücklich sind. Andererseits erwarten sie, dass ihre Fürsorge dankbar und ohne Widerspruch angenommen wird – sie meinen ja am besten zu wissen, was gut ist für ihre Lieben.

“Brave Töchter” sind als Erwachsene ständig aktiv für andere. Ihre Hilfsbereitschaft und ihre Einsatzfreude – so hilfreich sie eine Zeit lang für viele in ihrer Umgebung sind – haben ihre Kehrseite und ihren Preis, denn sie werden begleitet von Bedürftigkeit, Unsicherheit und Unruhe. Anerkennung muss immer wieder neu verdient werden, das Selbstwertgefühl muss wie ein Akku ständig neu durch Leistung aufgeladen werden.

Erschöpfung und Unzufriedenheit sind die Folge. Kritik bringt “Brave Töchter” schnell aus der Fassung. Sie fühlen sich dann abgelehnt und kämpfen ums Rechthaben – oder sie ziehen sich gekränkt zurück. Sie erwarten, dass alle um sie herum dankbar sind und dass ihre Bedürfnisse erkannt und berücksichtigt werden, auch wenn sie diese nicht ansprechen.

“Brave Töchter” machen schnell andere dafür verantwortlich, wenn es ihnen nicht gut geht. Oft haben sie sehr bestimmte Vorstellungen davon, wie etwas zu laufen hat, und können andere Meinungen schlecht als gleichwertig akzeptieren. Streit, Groll, das Sich-unverstanden-Fühlen, wenn der Einsatz nicht ausreichend und entsprechend den eigenen Erwartungen gewürdigt wird, sind mit der Person der “braven Tochter” eng verbunden. Diese Kehrseite macht es für die anderen oft schwer, die unzweifelhaften Verdienste “Braver Töchter” uneingeschränkt anzuerkennen.

Bei Aufstellungen von “Braven Töchtern“ist es wichtig, das verlorene Gefälle zwischen den Eltern und dem Kind wieder herzustellen, damit eine gute Ablösung und somit Individuation möglich werden.

Es gibt auch “Brave Söhne”……


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